Das Ein-Quadratmeter-Universum

Da wo ich arbeite ist ein Fenster. Schaue ich durch dieses Fenster sehe ich einen Marktplatz. Auf dem Marktplatz eine pinke Telefonzelle. Zu Zeiten von Smartphone und Co. pure Verschwendung, könnte man meinen. Meinten auch alle, deswegen steht diese pinke Telefonzelle jetzt nicht mehr. Sie ist gewichen, einer in grün. Wurden früher Gedanken mündlich ausgetauscht, herrscht heute ein anderer Austausch dort. Ein öffentlicher Bücherschrank in der Farbe der Hoffnung. Spaziert man abends daran vorbei brennt ein Licht und erhellt die gebundene Schönheit von, zu Sätzen, Absätzen, Kapiteln, Geschichten, zusammengefassten, längst vergessenen Gedanken. Bücher schmiegen sich im warmen Licht und im Schutze der Dunkelheit aneinander. Rücken an Rücken stehen sie da, laden ein. Aber macht das Sinn, frage ich mich. Etwas Altes durch etwas noch Älteres zu ersetzen? Sie wird verkommen, denke ich traurig, Mit all‘ ihren Schätzen im Bauche, wird sie verkommen. Für richtige Bücher interessiert sich doch niemand mehr. Mit kleinen Gebrauchsspuren und liebevollen Zeichen des Gelesen-Seins, einem altem Duft nach bedruckten Seiten und verblassten Illustrationen können die meisten Menschen in diesen technisierten Zeiten nichts mehr anfangen, oder wollen es ganz einfach nicht. Doch ich täusche mich. Ich blicke aus dem Fenster und es regnet. Ich blicke aus dem Fenster und es scheint die Sonne, schneit, stürmt, ist düster oder in den frühen Morgenstunden. Und die Menschen sehen das Licht im Dunkeln, die Farbe der Hoffnung bei Tag. Und es zieht sie an. Sie werden angezogen wie Motten von einer einzelnen, verlorenen Lichtquelle in der Nacht. Ich sehe Menschen, die lange Zeit auf einem Quadratmeter verbringen. Ich sehe Menschen, die sich anstellen, weil sie auch ein Stück vom kleinen Quadratmeter haben wollen, sie sind geduldig, sie warten, sie sind an der Reihe. Aber man möge meinen, dass Menschen verlernt haben zu geben, dass es ihnen leichter fällt zu nehmen. Doch ich sehe auch Menschen, die angeschlurft kommen. Den Rucksack, die Taschen voller Bücher. Die Last der Worte auf den Schultern, aber voller Freude und Glück, die Worte weitergeben, teilen zu dürfen. Zu wissen, dass die fremden Gedanken nicht im eigenen Kopf verweilen, sondern ein Netz mit fremden Köpfen bilden werden, entschuldigt ihr Gewicht. Und sie stellen ihre Schätze liebevoll zwischen die anderen, Rücken an Rücken stehenden Bücher, geben ihnen ein neues zu Hause. Füttern den Bauch der Telefonzelle, sättigen sie, erhalten sie am Leben. Und die Traube vor der Telefonzelle wartet und bangt und hofft. Und der Nächste tritt ein und strahlt. Das Licht geht aus, denn die Menschen leuchten selbst und von alleine und tragen ihre Freude in die Welt. Und ich sehe Hoffnung, ich bin nicht mehr alleine mit meiner verstaubten Liebe zu vergilbten Seiten, neuen Seiten, glatten Seiten, geknickten Seiten, bedruckten Seiten.

Ich habe diese Gedanken niedergeschrieben, weil ich oft außerhalb des Internets nicht mitbekomme, dass allzu viele Leute gerne oder viel Lesen. Diese Telefonzelle täglich auf Arbeit zu sehen zeigt mir, dass es mehr Menschen gibt, als ich annahm. Man erwartet, dass so ein öffentliches Angebot „missbraucht“ wird, indem irgendwann keine Bücher mehr da sind, einfach weil niemand neue mitbringt, sondern nur nimmt oder einfach niemand Bücher nimmt, weil niemand Bücher haben möchte. Man erwartet eventuell, dass sich niemand darum kümmert oder dass sie zerstört wird. Aus dem Fenster zu sehen und mitzubekommen, dass so viele Leute dieses Angebot nutzen – und zwar in beide Richtungen, macht mich sehr glücklich. Wir Leser sind zwar rar gesät, aber wir sind eines nicht: allein mit unserer Liebe.