Gelesen und für gut befunden – darf ich das?

Darf ich, in einer Welt in der so viel Leid herrscht, Bücher lesen in denen es genau so viel Leid gibt?

Darf ich Bücher lesen, in denen es Mord, Gewalt und Vergewaltigung gibt?

Darf ich Geschichten genießen und spannend finden, in denen Frauen wie Männer, erniedrigt, missbraucht, ihres Lebens beraubt werden?

Darf ich mich abends, mit einem Glas Wein in der Hand, auf die Couch setzen? Darf ich mich auf diese Bücher freuen, wenn ich Feierabend habe? Darf ich mich darauf freuen, dass mich diese Geschichten unterhalten werden?

Darf ich – enttäuscht, wenn die Geschichte nicht brutal, nicht blutig genug, ja eher langweilig, war – darauf hoffen, dass der Autor beim Nächsten noch weniger Skrupel kennt?

Darf ich den Psychopathen sympathisch finden, fasziniert von ihm sein, von seiner Vorgehensweise zu töten, von seinen Gedanken, seinen Motiven?

Darf ich die weinerliche Protagonistin, die unvorstellbar brutale und grausame Dinge erlebt hat und noch mitten im Alptraum gefangen ist, kritisieren? Darf ich es nervig finden, dass sie so viel weint, dass sie jammert und schreit und keine starke Person ist?

Darf ich mich von diesen Büchern, diesen Geschichten, diesen Schicksalen distanzieren, weil sie fiktiv sind? Was ist mit denjenigen, für die es keine Fiktion ist?

Darf ich diese Bücher, die von so viel roher Gewalt, Unterwerfung, Missbrauch, Hass, Mord, Folter, Verachtung, Demütigung, Erniedrigung und Vergewaltigung sprechen, tatsächlich lesen und für gut befinden?

Was sagt das über mich? Bin ich dann noch gut?


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