
Über das Buch:
Autorin: Eliza Clark
Titel: Penance
Originaltitel: Penance
Herausgeber: Festa Verlag
ISBN: 978-3-98676-240-7
Preis: 24,99 €

Inhalt:
Hast du den Podcast gehört? Wie sie über sie gelacht haben?
Hast du die Fotos ihrer Leiche gesehen? Hast du im Netz danach gesucht?
Der grausame Mord ist fast zehn Jahre her: In einer heruntergekommenen Stadt an der Küste von Yorkshire wurde die 16-jährige Joan Wilson am Strand von drei anderen Schulmädchen lebendig verbrannt.
Und nun werden die Ereignisse jener schrecklichen Nacht zum ersten Mal veröffentlicht.
Lies den Bericht des Journalisten Alec Z. Carelli über das Verbrechen und was dazu führte. Lies alle Interviews mit Zeugen und Familienmitgliedern und dazu die erschütternde Korrespondenz mit den Mörderinnen.
Aber wie viel von dieser Geschichte ist wahr?
Meine Meinung:
Ich hatte anfangs so meine Schwierigkeiten, um in die Geschichte zu finden. Die Autorin Eliza Clark bedient sich nämlich einem Meta-Erzähler: Alec Z. Carelli. Er ist diejenige fiktive Figur – seinerseits Journalist und Autor – der die Verknüpfung zwischen Inhalt und Leser herstellt. Er recherchiert über den Mord an Joan (Joni) Wilson, führt in dem Zuge Interviews mit Angehörigen und Beteiligten und deckt detaillierte Hintergrundinformationen auf. Es gibt weiterhin teilweise Auszüge verschiedener Podcasts, die sich mit dem Fall befassen und dabei nicht immer allzu sachlich darüber berichten. Dass es sich um einen fiktiven True-Crime-Fall handelt, habe ich irgendwann vergessen. Im Buch wird ein Ereignis erwähnt, dass ich tatsächlich im Internet gesucht habe, weil Fiktion und Realität für mich ab einem gewissen Punkt einfach verschwommen sind. Ich kann für mich sagen, dass die Geschichte eine irre Sogwirkung entwickelt. Man verstrickt sich immer tiefer in die Zusammenhänge und Charaktere der einzelnen Mädchen, die zunächst anonymisiert als A, B, C und D auftreten, später aber namentlich genannt werden. Jedes der Mädchen bekommt zudem einen eigenen Abschnitt, in dem genauestens die jeweilige Jugendzeit, die Ereignisse im Schulalltag bis hin zur Tat aufgeschlüsselt werden. Ich musste in dem Buch selbst markieren und mir Notizen machen, um die Übersichtlichkeit zwischen den Charakteren beibehalten zu können. Mich persönlich hat das nicht gestört, im Gegenteil, ich habe mich durch meine eigenen Verknüpfungen und Markierungen der Geschichte zugehöriger gefühlt. Gleichzeitig kann ich aber auch verstehen, dass man die Figurenkonstellationen und Schilderungen als verwirrend und ausbremsend empfinden könnte. Insgesamt gab es hier und da kleine Längen, die mit Sicherheit etwas gekürzt hätten werden können, dennoch hat mich das Buch verschlungen – nicht umgekehrt. Neben all der Unterhaltung, die dieses Werk bietet, hängt jedoch ein Thema wie eine dunkle Wolke über allem: die Sensationsgeilheit, wenn es um True Crime geht. Ich bin selber eine Leserin, die Gefallen und Faszination an diesem Genre findet. Dabei fasziniert mich vor allem das Leben, der Charakter und die Beweggründe der Täter. Und genau das wird in diesem Buch von Eliza Clark auch indirekt angeprangert: die Täterinnen (in diesem Fall) bekommen viel mehr Aufmerksamkeit. Warum ist das alles passiert? Was hat sie dazu getrieben? Spezifische Fragen wie diese, um die Taten verstehen zu wollen, um den Ereignissen irgendeine banale Form von Sinn zu geben, lassen das Opfer in den Hintergrund rücken – so passiert es auch hier. Die ganze fiktive Geschichte, die Alec Z. Carelli Stück für Stück aufbaut, gibt den Worten der Täterinnen inhaltlich viel mehr Platz. Gleichzeitig regt die Geschichte aber auch dazu an, das ganze Genre True Crime zu hinterfragen: Ist es wirklich in Ordnung, Unterhaltung im reellen Leid, in den grausamsten Lebensstunden anderer zu finden? Das Buch geht sowohl inhaltlich als auch auf der Metaebene mit dem Leser hart ins Gericht und ist damit – für mich zumindest – wirklich schwer verdaulich. Den genialen Schachzug zum Schluss möchte ich auch noch mit Begeisterung hervorheben: Als Leser ist man angewiesen, auf die Arbeit des Journalisten Alec. Seine Schilderungen, seine geführten Interviews und Gespräche sind das einzige, das uns einen Hauch der Wahrheit bieten kann. Am Ende wird jedoch auch alles um seine Person in Frage gestellt und man steht vor der Entscheidung, das Gelesene zu glauben, oder niemals wirklich die umfassende Wahrheit hinter der Tat erfahren zu können. Diese Entscheidung von Eliza Clark hat die Geschichte gewissermaßen unendlich gemacht, denn auch nach Beendigung hörten bei mir die Spekulationen und das Gedankenkarussell lange nicht auf.
Bewertung:
Ich fand das Buch, trotz einiger Startschwierigkeiten, grandios. Der ganze Aufbau ist einzigartig und spielt mit dem Realitätsgefühl der Leserschaft. Inhaltlich schockierend ist natürlich die Tatsache, dass Jugendliche untereinander diese grausamen Dinge antun. Die Umstände, die dazu führten werden detailliert aufgearbeitet und das mit einem authentischen Tiefgang. Hier und da haben mich ein paar unnötige Längen aufgehalten, dennoch ist dieses Buch eine absolute Empfehlung wert. Es ist anspruchsvoll und unterhaltsam, gleichzeitig aber auch appellierend und in gewisser Weise verurteilend. Für mich ist dieses Buch ein Highlight.
Schreibstil: 4,5/5
Charaktere: 5/5
Geschichte: 4,5/5
Spannung/Atmosphäre: 4/5
Überraschungen/Wendungen: 4,5/5
Gesamtbewertung: 4,5/5