
Über das Buch:
Autorin: Jasmin Schreiber
Titel: Da, wo ich dich sehen kann
Herausgeber: Eichborn
Genre: Roman
ISBN: 978-3847902232
Preis: 24,00 €

Inhalt:
Die neunjährige Maja wächst in einer zerrütteten Familie auf – ein tyrannischer Vater, eine liebevolle, aber unterdrückte Mutter, dazwischen viel Schweigen und Dinge, die ihr keiner erklärt. Als Frank, Majas Vater, ihre Mutter tötet, reißt er ein Loch in die Welt – für Maja, aber auch für alle anderen, die zurückbleiben.
Von einem Moment auf den anderen ist nichts mehr, wie es war: Zwischen Trauer, Sorgerechtsstreit und Bürokratie wird Maja zum Spielball und verliert inmitten von Anträgen und Zuständigkeiten ihre Familie, ihr Zuhause, das Gefühl von Sicherheit und die Gewissheit, zu wem sie gehört.
Ihre Patentante Liv wird Majas einziger Lichtblick: Liv arbeitet als Astrophysikerin und begeistert Maja für die Wunder des Universums. Gleichzeitig ringt sie mit eigenen Unsicherheiten, alten Ängsten und der Überforderung, plötzlich Verantwortung übernehmen zu müssen. Und doch wachsen Liv und Maja zusammen: beim Blick durchs Teleskop und beim Versuch, im endlosen Weltraum Antworten zu finden, die ihnen niemand sonst geben kann.
Meine Meinung:
Die Geschichte findet ihren Einstieg zu einem Zeitpunkt, da ist die Tat schon verübt, der Schaden bereits angerichtet, Welten längst in Stücke gerissen. Wir werden als Leser in den Trümmerhaufen der Hinterbliebenen geworfen. Hierbei wird die Geschichte überwiegend aus den Perspektiven von Liv, Emmas bester Freundin, und Maja, Emmas Tochter, erzählt. Unterbrochen werden die Perspektiven durch beispielsweise Protokolle, E-Mails, Kinderzeichnungen von Maja oder Zeitungsartikel. Aber auch Bruchstücke aus Emmas Perspektive und der ihrer Eltern werden Teil dieser Geschichte. Nach und nach zeichnet sich ein Bild zu Emmas Hölle. Vordergründig zeigt dieses Buch aber die inneren Kämpfe der Hinterbliebenen, der Angehörigen. Einfühlsam, wunderschön geschrieben und authentisch wird auf herzzerreißende Weise gezeigt, dass ein Femizid mehr als nur ein Leben beenden kann. Es zeigt den Versuch in die Banalität des Lebens zurückzufinden, nachdem eine einzige Tat alles unwiderruflich verändert hat. Dabei kämpft jeder mit eigenen inneren Dämonen, jeder hängt eigenen Gedanken nach. Besonders spannend fand ich hier, dass die Autorin Kapitel in der „Was-wäre-wenn“-Perspektive geschrieben hat. Die ewige Frage nach der Schuld schwebt in diesen Kapiteln besonders präsent über den Köpfen der Figuren. Generell ist die Schuldfrage ein ebenso zentrales Thema, das sehr nachvollziehbar wieder und wieder aufgegriffen wird. Obgleich es in den Augen aller nur einen Schuldigen geben sollte, wird versucht einen Sinn in der Tat zu finden, ein „Warum?“, ein „Hätte ich es verhindern können?“ und damit eine schmerzhafte, unfreiwillige Mittäterschaft durch Unwissenheit suggeriert. All diese Emotionen sind wahnsinnig nachvollziehbar und greifbar dargestellt. Dem gegenüber werden die schmerzhaften Auswirkungen von emotionaler Manipulation, toxischen Beziehungsmustern und Narzissmus abgebildet. Für mich lagen in einem Buch gegenteilige Emotionen noch nie so nah beieinander, dass ich es körperlich spüren konnte. Denn genau das passiert in dieser Geschichte: als Leser empfindet man in einem Moment blinde Wut, während man eine Seite später aufgrund von Fassungslosigkeit, Ergriffenheit und tiefer Trauer den Tränen nah ist. Hier haben wir nicht nur einen gelungenen Inhalt, sondern auch ein gekonntes Spiel mit Worten und Emotionen.
Bewertung:
Dieses Buch ist mein absolutes Jahreshighlight. Ich habe, nachdem ich mit dem Thema der Geschichte bekannt wurde, erwartet dass es mich tief treffen und berühren wird – ich habe es sogar ein wenig vorausgesetzt. Dass diese Geschichte mich allerdings so stark emotional mitreißen wird, habe ich nicht kommen sehen. Ich habe an diesem Buch alles geliebt: den detaillierten, liebevollen Aufbau, die verschiedenen Facetten die beleuchtet werden und damit wieder und wieder zum Nachdenken anregen. Jedem Beteiligten wird eine Stimme verliehen – außer dem Täter. Und auch dieser Aspekt ist unheimlich klug und wirkungsvoll, denn die Autorin weigert sich, einem Monster Anteil an der Bewältigung, an der Zukunft der Angehörigen zu geben. Dieses Buch hat meine Erwartungen in jeder Hinsicht übertroffen. Ein absolutes Muss für jeden, der die grausame Realität vieler Betroffener nachhaltig verstehen will und bereit ist, sich die Augen in vielerlei Hinsicht öffnen zu lassen. Für mich gehört dieses Buch in jeden Lehrplan aufgenommen, denn auf das Thema Femizide kann niemals laut genug aufmerksam gemacht werden, es kann niemals zu viele Stimmen, zu viel Sensibilisierung für dieses Thema geben.