Jerzy Kosinski: Der bemalte Vogel

Über das Buch:

Inhalt:

Irgendwo im Osten Europas, während der Zweite Weltkrieg tobt: Um ihn vor den Nazis zu schützen, wird ein kleiner jüdischer Junge zu einer alten Frau aufs Land gegeben. Kurz darauf stirbt sie und der Junge bleibt allein zurück.
Als er durch die zerfetzte Welt irrt, erlebt er die Gräuel des Krieges – aber auch die Perversion und Brutalität der Soldaten und der abergläubischen Landbevölkerung.
Der Junge verstummt und hat sich, als der Krieg endet, für immer verändert.

Meine Meinung:

Das Buch spielt zur Zeit des zweiten Weltkriegs in Osteuropa. Wir wissen nicht genau wo. Der Protagonist ist ein Junge – zu Beginn der Erzählung 7 Jahre alt. Seinen Namen erfahren wir auch nicht. Damit steht er für eine Vielzahl an Menschen und Individuen, die in der Realität ein solches oder so ähnliches Schicksal ereilt hat. Zugegeben, der Schreibstil war anfangs sehr gewöhnungsbedürftig und teilweise auch anstrengend, weil er vollkommen nüchtern und ausdruckslos ist. Emotionale Schilderungen sucht man vergeblich. Dennoch passt er zum Inhalt und rundet das gesamtheitliche Leseerlebnis ab, sofern man sich nach einiger Zeit damit anfreunden kann, und das konnte ich glücklicherweise recht gut. Der Schreibstil verbindet auf eine sehr tragische und auch künstlerische Weise die Aspekte des jungen Alters des Jungen mit seinen Erlebnissen und damit einhergehenden Traumata. Die Nüchternheit der Erzählung anonymisiert gleichzeitig den Träger der Geschichte und breitet seine Erlebnisse auf die vielen Opfer des zweiten Weltkriegs aus, die Leid im Verborgenen ertragen mussten. Die Opfer, die nicht an der Front zu eben jenen wurden, sondern aus der Mitte einer Bevölkerung heraus durch menschliche Abgründe in diese Rolle gezwungen wurden. Das Tempo der Geschichte ist rasant und man fragt sich, wie viel Zeit zwischen dem Start der Geschichte und ihrem Ende liegen. Schlussendlich stellt sich heraus, dass es fünf Jahre waren. Fünf Jahre, in denen man als Leser auf brutale Weise in menschliche Abgründe gestoßen wird. Normalerweise bin ich – dank des Festa Verlages – gut gegen etwaige Geschichten mit Gewaltschilderungen abgehärtet. Hier hatte ich keine Chance. Ich wurde gnadenlos von der Brutalität, Skrupellosigkeit und Hilflosigkeit des Inhaltes überrollt. All diese unaussprechlichen Erfahrungen werden von einem Kind gemacht, das innerhalb seiner Welt allein ist. Das noch Hoffnung hegt und auf Menschlichkeit setzt. All das wird innerhalb von fünf Jahren zunichte gemacht und diese Tatsache macht das Buch so dermaßen schmerzhaft und unerträglich. Es folgen grausame Taten Schlag auf Schlag, es folgen Handlungen aus unbegründetem Aberglauben heraus, es folgen Gier, Auslebung von Macht und Hass banal begründet durch äußerliche Andersartigkeiten. Schlussendlich beschreibt dieses Buch eine vergangene und leider noch gegenwärtige Realität vieler Menschen. Gleichzeitig beschreibt es jedoch eine geschichtliche Zeit, die damit einhergehenden Gedanken Platz geboten und Momente zum Ausleben ermöglicht hat. Das Ende war mir persönlich etwas zu abrupt und gegen Ende schlich sich bei mir wieder ein wenig Unmut wegen des Schreibstils ein. Dennoch ist dieses Buch auf schmerzhafte Weise wunderschön und wichtig, Es ist ein Buch, das die eigene Seele raubt und nachdenklich stimmt.

Bewertung:

Das erschreckende an dieser Geschichte ist der Moment, in dem ich mir überlegt habe, ob es autobiografische Züge trägt. Und als mir dann bewusst wurde, dass dies mit Sicherheit nicht nur für eine Person auf dieser Welt, zu dieser Zeit, eine gewisse Form der Realität war. Wie bereits mehrfach erwähnt ist der Schreibstil sehr nüchtern, stellenweise schon fast prosaisch und war damit für mich gerade zu Beginn sehr gewöhnungsbedürftig. Aber genau diese Erzählweise lässt diese Geschichte erst vollends ihre Wirkung entfalten. Man darf nie vergessen, in welchem Alter sich der Protagonist befindet. Wie seine Welt ihm entrissen wird und wie machtlos er in jeglichen Situationen aufgrund vieler Unterlegenheiten ist. Das alles tut beim Lesen weh und ich habe es, so falsch es sich auch anfühlt, geliebt. Die Geschichte ist einfach stark und mächtig.

Schreibstil: 3/5
Charaktere: 4/5
Geschichte: 5/5
Spannung/Atmosphäre: 5/5
Überraschungen/Wendungen: 3,5/5

Bewertung: 4 von 5.