Jessica Stute: The Black Sheep

ACHTUNG: Rezension kann Spoiler enthalten!

Gekennzeichnet als Rezensionsexemplar

Über das Buch:

Inhalt:

Lizzy Wallace ist ein emotionales Wrack. Sie leidet unter Schlafstörungen und die einzige Bindung, die sie aufbauen kann, ist die zu ihrer Pillendose. Ihre seelischen und physischen Narben versteckt sie hinter schwarzer Kleidung, so düster, wie ihr Mundwerk. Unüberlegt macht sie sich auf nach Los Angeles, um dort ihre kleine Schwester wiederzufinden, von der sie vor neun Jahren getrennt wurde. Im Gepäck: Nichts weiter als ihr Handy, ihre Musik sowie einen Haufen verschwommener Erinnerungen aus ihrer Kindheit. Auf ihrer Reise begegnet sie dem Musiker Aiden, der ungeahnte Gefühle in ihr weckt, und dem es gelingt, hinter Lizzys dunkle Maske zu schauen. Aber was, wenn es manchmal besser ist, dass die Vergangenheit im Verborgenen bleibt, damit sie dich nicht zerstört?

Meine Meinung:

Das Buch ist unterteilt in zwei Sequenzen, aus denen sich die Geschichte nach und nach zusammensetzt. Im Wechsel begleiten wir Lizzy einerseits in ihrer gegenwärtigen Situation, andererseits erfahren wir bruchstückhaft, welche traumatischen Ereignisse ihrer Vergangenheit sie zu der Person geformt haben, die sie heute mit 21 Jahren ist. Lizzy ist selbstzerstörerisch und dickköpfig, kann jedoch den richtigen Menschen in ihrem Umfeld mit einem großen Herzen begegnen. Das Buch ist definitiv mit Vorsicht zu genießen und die Triggerwarnung unbedingt ernst zu nehmen! Anfangs – dem Klappentext nach – dachte ich, dass es sich um einen mehr oder weniger typischen Selbstheilungsprozess handelt, ausgelöst durch einen Menschen, der der absolute seelische Spiegel zu Lizzys gebrochenen Innerem darstellt. Lange konnte die Geschichte diesen Anschein auch aufrecht erhalten, aber nach und nach wurde klar, dass diese Reise so unkonventionell ist, wie unsere Protagonistin selbst. Ich bin tatsächlich durch die Seiten geflogen. Es herrscht überwiegend eine melancholische und düstere Grundstimmung, aber Lizzy meistert ihre scheinbar ausweglose Situation mit jeder Menge erfrischender Gleichgültigkeit und Dreistigkeit. Außerdem ist der Schreibstil eine Mischung aus rotziger Sprache und berührender Poetik – ebenso wie das Innere von Lizzy zerrissen ist, zerreißt die Autorin auch das Buch symbolisch an vielen Stellen. Ein Zitat möchte ich hier einfügen, weil es mich tief getroffen hat und gleichzeitig die ganze Geschichte perfekt zusammenfasst, einen riesigen Teil von Lizzys Charakter widerspiegelt, aber auch in viele Lebenssituationen passt:

Ich werde immer dieses Regenwolkenmädchen bleiben, in dessen Leben nie die Sonne scheint. Aiden hat in meinem Regen getanzt. Kurz hat es ihm gefallen. Und jetzt widert es ihn an, dass er dabei nass bis auf die Knochen geworden ist. – S. 291

Ich habe mich den überwiegenden Teil des Buches auf der sicheren Seite gesehen, als wüsste ich, worauf alles hinausläuft und wie es endet. Jedoch hat Autorin Jessica Stute mehr als einen genialen Twist eingebaut. Ich habe die grandiosen Wendungen am Ende des Buches auf keiner Seite kommen sehen. Dass wir mit Lizzy eine Protagonistin bekommen, der wir als Leser nicht trauen können, hätte ich niemals erwartet. Das ganze Buch handelt quasi von ihrem Inneren, ihren Emotionen und Gedanken. Um sie herum wird ein tiefgründiges und umfassendes Bild gezeichnet. Dass dieses Bild dann derartig fundamentale Risse enthalten könnte, ist Jessica sowohl inhaltlich grandios gelungen und hat mich wider erwarten zum Schluss sprachlos und erschüttert zurückgelassen. Bis dato empfand ich die Geschichte als durchschnittlich gut, allerdings haben diese inhaltlichen Entscheidungen dem Buch das gewissen Etwas verliehen und es für mich zu einem unvergesslichen Leseerlebnis gemacht.

Bewertung:

Das Buch ist für mich ein wirklich unerwartetes Highlight. Obwohl von Anfang an alles gepasst hat, ich flüssig zwischen die Seiten eintauchen und Lizzys Geschichte rundherum genießen konnte, habe ich nicht erwartet, derart überrascht werden zu können. Meine Erwartungen galten einer geradlinigen, nachdenklich stimmenden und düsteren Geschichte. Das alles habe ich auch bekommen. Jedoch wurde ich zum Ende hin so tief in meinem Vertrauen in alles bisher Gelesene erschüttert, dass diese Wendung dem Buch letztendlich wirklich den entscheidenden Schubs zum Lesehighlight gegeben hat.

Schreibstil: 5/5
Geschichte: 5/5
Charaktere: 5/5
Überraschungen/Wendungen: 5/5
Spannung/Atmosphäre: 5/5

Bewertung: 5 von 5.