
Über das Buch:
Autorin: Judith Kleiner
Titel: Das CharakterLos
Herausgeber: Bucher Verlag GmbH
Genre: Roman
ISBN: 978-3990187173
Preis: 19,80 €

Inhalt:
Um nicht gehasst zu werden, behalten die Menschen all ihre ehrlichen Gedanken für sich und verlieren sich in oberflächlichem Geplauder. Nichts hat von da an mehr Bedeutung als das Streaming-Abo und die eigene Watchlist. Die Gesellschaft löst sich auf, zerfällt in vier Häuser – Netflix, Apple-TV, Disney-Plus und Amazon-Prime. In dieser neuen Welt trifft Jamie, ein zutiefst überzeugter Netflix-Anhänger, auf Jenn, eine Mitarbeiterin von Apple, die Jamies Lieblingsserien-Darstellerin Jane zum Verwechseln ähnlich sieht. Die Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf. Doch wenn niemand mehr einen eigenen Charakter aufzuweisen hat, kann man einander dann noch lieben?
Meine Meinung:
Auch wenn es der Klappentext entfernt suggeriert, handelt es sich bei diesem Buch um keine reine Liebesgeschichte. Die Gesellschaft ist in vier Fraktionen zerrüttet. Die Anhänger jeder Fraktion sind sowohl räumlich als auch im Geiste voneinander getrennt. Sie alle eint die Liebe zu Streaming-Diensten, nur der Anbieter variiert. Das Konzept hat mich etwas an die Reihe „Divergent“ erinnert, denn das Grundgerüst, der Aufbau der gesellschaftlichen Strukturen sind recht ähnlich. Aber da enden die Gemeinsamkeiten auch schon fast. Die Charaktere sind – wie sollte es anders sein – farblos. Aber das ist hier keineswegs negativ zu bewerten, denn die ganze Geschichte baut auf dem Konzept des Persönlichkeitsverlustes. Die Menschen definieren sich ausschließlich über mediale Errungenschaften: geschaute Serien, gepostete Fotos (natürlich bis zur Unkenntlichkeit bearbeitet und frisiert), Follower und Likes. Die Parallelen zur Entwicklung unserer derzeitigen Realität sind erschreckend. Auch wenn das Buch natürlich mit starken Übertreibungen arbeitet, ist der Grundgedanke nicht allzu weit hergeholt. Die Geschichte selbst ist nicht besonders spektakulär, allerdings trifft sie einen Nerv. Im Verlauf wird man mit Themen wie Definition über falsche Werte, gemocht werden aus falschen Motivationen heraus, Mitläufertum und Rebellion konfrontiert. Bequemlichkeit und das Gefühl, dazugehören zu wollen, lösen das Hinterfragen und das Folgen von eigenen Emotionen ab. Die Autorin geht sogar so weit, die Charaktere weitestgehend emotionslos und abgestumpft der Realität gegenüber darzustellen. Echte Gefühle, wie Freude, Leid, Liebe und Trauer existieren nur noch mit und durch die vom jeweiligen Streaming-Anbieter zur Verfügung gestellten vermeintlichen Quellen des Seins: Serien und Filme. Im Buch kommt es zu einer Kette von Ereignissen, die Jamie an einen Punkt bringen, an dem er sich zwischen gesellschaftlichen Zwängen und eigenen Empfindungen entscheiden muss. Ich mochte den inneren Kampf, den er dabei austrägt, welcher sich auch in seinem Umfeld bemerkbar macht, wie er sich verändert und versucht die beiden Welten zu vereinen, die eigentlich nebeneinander keinen Platz haben. Und auch wenn Jamie gerade zu Beginn bewusst sehr farblos und oberflächlich dargestellt ist, so wächst er einem gegen Ende doch leicht ans Herz und bekommt etwas Tiefe verliehen. Mehr aber noch Jenn. Jenn ist für mich die Tris, die Katniss der Geschichte. Von Anfang an ist sie voller Tiefgang gezeichnet, hat Charaktereigenschaften, die man in diesem Buch bei den anderen Figuren so vergeblich sucht: Empathie, Liebe und emotionale Intelligenz, Mitgefühl und das Streben nach Mehr. Ich habe mich wirklich dabei ertappt, wie ich einen Sinneswandel der Charaktere schmerzhaft herbeigesehnt habe, wie ich mitgefiebert habe, dass die Beziehung zwischen Jamie und Jenn der Beginn eines bewussten Erwachens ist.
Bewertung:
Für mich ist diese Geschichte, von Beginn bis Ende einfach von der inhaltlichen Entwicklung her unglaublich stark. Man taucht in diese – leider nicht ganz so – abstrakte Welt ein und möchte sich mehr als einmal mit der flachen Hand gegen die Stirn schlagen. Man fragt sich, wie Menschen so leben können und stellt nach einem Moment Selbstreflexion fest, dass man von einer solchen Dystopie nicht mehr allzu weit entfernt ist. Dabei mochte ich die Ideen der Autorin, die kleinen Akte der Rebellion, aber auch die manipulative Gehirnwäsche der gesellschaftlichen Zwänge. Dieses Buch unterhält und ermahnt gleichermaßen, es regt zum Nachdenken an und zeigt dabei auf uns alle. Für mich ist „Das CharakterLos“ ein Werk, dass mehr Aufmerksamkeit verdient, weil es einfach inhaltlich und auch auf der metaphorischen Ebene grandios ist.
Schreibstil: 5/5
Charaktere: 5/5
Geschichte: 4/5
Spannung/Atmosphäre: 4/5
Überraschungen/Wendungen: 5/5
Gesamtbewertung: 4,6/5