
Über das Buch:
Autorin: Verba Volant
Titel: Wir…denke ich
Herausgeber: Wreaders Verlag (28. Juli 2023)
Genre: Roman/Gegenwartsliteratur
ISBN: 978-3967334210
Preis: 13,00 €

Inhalt:
Sechs Personen. Ein Verbrechen. Die Konsequenzen.
Anstelle eines Gefängnisses findet sich die Gruppe nach der Verurteilung in einem Gebäudekomplex wieder, in dem eiserne Regeln gelten. Zwischen Überfluss und Verzicht stehend wird ihnen klar, dass nichts mehr so sein wird, wie es einst war.
Und die große Frage: Was passiert, wenn aus einem Wir ein Ich wird?
Meine Meinung:
Das Buch umfasst nur 180 Seiten. Dennoch habe ich länger für dieses kompakte Werk gebraucht, als die Seitenanzahl implizieren würde. Das hängt mit zwei Aspekten zusammen. Liest man den Klappentext, hat man eigentlich bereits einen groben Inhalt vor Augen. Aber so einfach hat es die Autorin sich nicht gemacht. Die Geschichte ist schwer zu beschreiben, aber sie gibt keineswegs eine übliche Abfolge von Handlungen wieder. Der zweite Aspekt ist der Schreibstil. Poetisch, tiefgründig, verworren und gleichzeitig klar. Man möchte die Sätze nicht loslassen, da sie einen so mitnehmen, nachdenklich stimmen. Weiterhin sind die Charaktere mehr Mittel zum Zweck, als wirklich intensiv ausgearbeitete Figuren. Sie sind austauschbar, in ihrer beschriebenen Erscheinung, in ihren Taten und Namen. Denn mit expliziten Namen arbeitet die Autorin nicht. Das „Wir“ bildet sich aus dem Unsichtbaren, dem Anderen, dem Mädchen, den Zweien und dem Protagonisten (der Falsche). Aus seiner Sicht ist das ganze Buch geschrieben. Damit hat man zu diesem Charakter natürlich auch den stärksten Zugang, er lässt Einblick in Emotionen und Gedanken zu. Die anderen Figuren treten nur so ins Bild, wie der Falsche sie uns beschreibt und sehen lässt. Mir persönlich haben Hintergrundinformationen bezüglich der Geschichte gefehlt, obwohl sie für den Verlauf absolut nicht notwendig sind. Aber hier siegt dann wohl meine menschliche Neugier und gewisse Fragen ließen sich nicht abschütteln. Fragen bezüglich des begangenen Verbrechens oder bezüglich der Charaktere. Diverse Fragezeichen sind mir bis zum Schluss im Hinterkopf geblieben. Wahrscheinlich bringt es die Gewohnheit mit sich, eine Geschichte geliefert zu bekommen, die auch eine Geschichte ist. Hier liegt die ungeteilte Konzentration auf der Bedeutung, nicht auf dem tatsächlich Gesagten oder Geschilderten. Das Buch ist nicht unterhaltend, wie ich mir einen Roman, der einen solchen Klappentext birgt, normalerweise vorstellen würde. Allerdings stimmt dieses Buch unbestreitbar nachdenklich. Man ertappt sich dabei, eigene Reaktionen und Taten zu hinterfragen. Wie würde man selbst in einer solchen Situation handeln? Ich wurde von dem unerwarteten Inhalt absolut positiv überrascht, da er mich zum Nachdenken gezwungen hat und mir dabei gleichzeitig viel übermittelt hat. Der Aufbau des Settings ist ebenso einzigartig, kreativ und bedeutungsschwanger. Man erkennt, dass die Autorin sich viele Gedanken um jedes einzelne Element in dieser Geschichte gemacht hat.
Bewertung:
Nichts an diesem Buch ist konventionell. Es gibt Elemente, die nicht der Realität entsprechen, dennoch scheint jeder Satz einen tieferen Sinn zu bergen, den man auf sich projizieren kann, auf das menschliche Dasein, auf die Gesellschaft. Verba Volant schafft auf wenigen Seiten unglaublich viel Tiefe. Ihr Schreibstil ist überaus poetisch und packend. Es gibt hier keine klare Auflösung – die ich allerdings durchaus begrüßt hätte. Das Buch lebt von dem, was der Leser darin sieht und für sich selbst findet. Ich ziehe einen Stern ab, weil mir Klarheit an der ein oder anderen Stelle gefehlt hat. Die Fragen, die während des Lesens aufkamen, ließen sich nicht abschütteln und ich konnte auch deren Nichtbeantwortung nicht ignorieren. Gerade zum Schluss hin, hätte der ein oder andere klärende Satz geholfen, um einen schlüssiges Ende zu finden, auch um als Leser damit abschließen zu können.